Noticias

Totenkult: Zum Frühstück eine Mumie

Nicht nur die alten Ägypter konservierten ihre Leichen für die Nachwelt, auch in Europa wurden Verstorbene mumifiziert, wie eine Ausstellung nun zeigt. Noch in der Neuzeit galten Mumien als heilsam - und wurden gegessen.

Der Leichnam von Katalina Orlovits findet keine Ruhe. Im Jahre 1798 stirbt das Mädchen im Alter von zweieinhalb Jahren im ungarischen Vac, höchstwahrscheinlich dahingerafft von der Tuberkulose. Auch Katalinas Brüder Johannes und Michael teilen ihr Schicksal und sterben bereits als Kleinkinder. Ihre Eltern setzen die Geschwister in der Krypta der örtlichen Dominikanerkirche bei, doch die Körper verwesen nicht.

"Durch die günstigen klimatischen Bedingungen in dem Gewölbe konservierten die Körper und mumifizierten so auf natürliche Weise", sagt Vincent van Vilsteren. Der Archäologe hat den Leichnam von Katalina Orlovits aus Ungarn ins niederländische Assen geholt. Im örtlichen Drentsmuseum ist die Mumie nun eine von mehr als 40 Exponaten, die Besucher ab dieser Woche besichtigen können.

"Wenn sie Mumien hören, denken vielen Menschen automatisch an Ägypten. Uns ist wichtig zu zeigen, dass es überall auf der Welt Beispiele für die Erhaltung von Verstorbenen gibt", sagt der Archäologe. Also stammen die ausgestellten Mumien aus Asien, Südamerika und Europa. "Viele wurden absichtlich mumifiziert, andere zufällig."

Die Ansammlung der Mumien aus aller Welt nutzt nebenbei auch der Wissenschaft: Einige Exponate werden mit bildgebenden Verfahren untersucht, wie die Mumie eines Kleinkinds der südamerikanischen Nazca-Kultur. Das Indianervolk siedelte einst im Bereich des heutigen Peru. Rund 1500 Jahre nach dem Tod des Babys wurde seine Mumie nun samt Stoffhülle ins Assener Wilhelmina-Krankenhaus gebracht und in einen Computertomografen (CT) gelegt.
Die Nazca bestatteten ihre Toten häufig in hockender Position und umhüllten sie mit Textilien. Das macht die CT-Aufnahmen so wertvoll: Sie liefern ein 3-D-Bild der Mumie und damit erstmals Hinweise auf die mögliche Todesursache: "Beim Rückgrat fällt auf, dass der untere Wirbelbogen nicht geschlossen ist, möglicherweise ein Hinweis auf eine Fehlbildung - einen sogenannten offenen Rücken", sagt Vincent van Vilsteren.

Die Verstorbenen der Nazca-Kultur trockneten durch extreme Hitze und Trockenheit in ihrer Heimat aus und mumifizierten natürlich. Ganz anders war es im alten Ägypten. Hier wurde der Natur bei der Konservierung der Toten geholfen, wie ein Blick auf ein rund 2000 Jahre altes Exponat in der Assener Ausstellung zeigt.

Medizin aus Mumien

"An dieser Mumie sieht man sehr schön die Öffnung in der Bauchdecke", sagt Matthias Feuersenger. Der Restaurator hilft bei der Platzierung der Exponate. "Durch das Loch wurden Organe entnommen und eine Bandagefüllung sowie Erdwachs eingebracht." 
Die arabische Bezeichnung für Wachs lautet Mum und ist bis heute namensgebend für erhaltene Tote.
Egal ob künstliche oder natürliche Konservierung, die Intention war häufig ähnlich. "Menschen auf der ganzen Welt glaubten an ein Leben nach dem Tod und wollten ihren Körper dafür erhalten", sagt van Vilsteren. Die Ergebnisse dieses Wunsches lösen seit jeher eine besondere Faszination unter den Lebenden aus. Bis ins 19. Jahrhundert schrieben auch in Europa die Menschen den Mumien besondere Heilkräfte zu.

Relikte dieses Glaubens finden sich im Drentsmuseum. Der Kurator holt einen runzeligen, schwarzen Fuß aus einer kleinen Glasvitrine, den Rest einer ägyptischen Mumie. "Der übrige Leichnam wurde zu Medizin zermahlen, in Salben verarbeitet oder verspeist. Unsere Vorfahren waren in gewisser Weise Kannibalen."

Bis zum 31. August ist die Mumien-Ausstellung noch im Drentsmuseum im niederländischen Assen zu sehen.

Von Hendrik Behrendt

Quelle:http://www.spiegel.de/

Tickets online

Gültigkeit: 6 Monate ab Kaufdatum und kann während dieser Periode jederzeit genutzt werden.

Sie finden mehr Informationen in unseren Cookie-Bestimmungen.

Wir benutzen unsere eigenen Cookies und auch die von Dritten um Ihnen Ihr Besuch zu erleichtern. Indem Sie weiter auf dieser Website navigieren, stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu.

Ich akzeptiere